»Der Gitarrenspieler«, Scheibs erste Skulptur im öffentlichen Raum,
wurde 1976 in einem Halberstädter Jugendclub installiert.
Für diesen Auftrag, kurz nach Beendigung seines Kunststudiums in Dresden, hatte sicherlich Peter Hinz ein gutes Wort
eingelegt. Weitere Ausstellungsbeteiligungen in Halberstadt besiegelten die gegenseitige Sympathie.
Scheibs Figuren wirken ungehobelt, rau, oft unbequem und genau so sah Scheib sich in der DDR.
Die Abneigung gegenüber dem sozialistischen Realismus verband ihn mit seinen Freunden A. R. Penck, Strawalde und
Peter Herrmann.
1985 folgte die Ausreise der Familie nach Berlin West. Eine Tragödie der Trennung, die herzzerreißende Auswirkungen
auf den gesamten Freundeskreis und die miteinander eng befreundeten Kinder hatte. Aber Scheib, wie so viele andere,
fühlte sich blockiert und bevormundet, sie bekamen in der DDR keinen Fuß mehr auf den Boden.
In Westberlin traf er, u. a., auf Inge H. Schmidt, Reinhardt Stangl, Helge Leiberg und auch wieder auf Peter
Herrmann; Migrant:innen, die ebenfalls ihr Zuhause für das Unbekannte eingetauscht hatten. Gemeinsam wurden
an die 40 gemeinsame Ausstellungen im In- und Ausland organisiert.
Er hat nicht nach Aufträgen gearbeitet. Was er gemacht hat; ›... ist auf meinem Mist gewachsen, in meinem Kopf
entstanden. Dafür kann ich keinen anderen verantwortlich machen.‹, sagte er mit seinem unverkennbaren,
verschmitzten Lächeln. Erst in den späteren Jahren entstanden Bronzefiguren.
In der DDR waren Rohstoffe knapp, aber Bauholz war zu beschaffen: ›Wenn’s eine Tugend geworden ist,
dann kam es aus der Not heraus. ... Farbe drauf! – Aufbauen und Zerstören, daraus entsteht dann eine gewisse Struktur
der Arbeit. Die ist mir dann doch sehr nah gekommen, in meiner Holzerei.‹ Scheibs lebensgroße
Holzfiguren der vier apokalyptischen Reiter auf ihren wilden Pferden schockieren, lassen uns an verheerende
Kriegsfolgen denken. Sie erinnern an Kleinmut und Diktaturen, sind erschreckend, weil sie so nah am eigenen
Empfinden sind, wenn wir an die Ukraine, Palästina, Israel und zweckentfremdete ›Montags-Demos‹ denken.
Ausgetrocknete Flüsse, unkontrollierbare Waldbrände, dazu machtvolle Diktatoren, die so dringend
notwendige Maßnahmen zum Umwelt- und Tierschutz bösartig und aus reiner Geldgier verhindern – die in der
Kunstgeschichte vielbehandelten Apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes, detailliert von
Albrecht Dürer 1498 im Holzdruck veröffentlicht, halten uns auf der VI. MKH-Biennale Scheibs ausdrucksstarke Version
der Bildhauerkunst als Spiegel vor.
Scheib hat immer gearbeitet. Ob im Atelier, oder beim Pfeffermühlen-Osterausflug schnitzend unter einem Baum sitzend,
aber zwischendurch wurde gefeiert, denn: ›Ein bisschen Frohsinn muss ja sein, wenn es geht.‹
»Der Gitarrenspieler« wurde stark beschädigt geborgen, als der Jugendclub Salut, Teil des
Neubauprojektes in den 70ern, 2025 abgerissen wurde.
Für die Stadt Halberstadt wäre es ein Gewinn, diese Figur in Erinnerung an Hans Scheib restaurieren zu lassen, denn unser geliebter Freund und Kollege verstarb im April diesen Jahres in Berlin Charlottenburg. Seine unverstellte Natürlichkeit, Klugheit, seine lebhaften Diskussionen und sein Frohsinn werden schwer vermisst.
Hans Scheib
Grafiker / Bildhauer
| 1949 | geboren in Potsdam, aufgewachsen in Berlin |
| 1966–69 | Lehre als Schriftsetzer, Abitur, Wehrdienst |
| 1971–76 | Studium der Bildhauerei, Hochschule für Bildende Künste Dresden |
| 1976 | freiberuflicher Bildhauer in Berlin (Ost) |
| 1985 | Übersiedlung nach Berlin (West) und 1986 die erste Ausstellung im Haus am Waldsee |
| 1989 | Kleinbronze HYPERION für den Carlo-Schmid-Preis, Carlo-Schmid-Stiftung Stuttgart |
| 1994 | Einladung zur »Art < Politics« Konferenz, Aspen-Institut, Aspen/Colorado |
| ab 2001 | Mitglied der Freien Akademie der Künste, Hamburg |
| 2004 | Studienaufenthalt in der Villa Romana, Florenz Werkstatt in Kolchis, Tiblissi/Georgien |
| 2005 | Einladung zur 2. Internationalen Biennale Peking, China |
| 2006 | Projekt Pirosmanis Tisch, Tiblissi/Georgien und Jerewan/Armenien |
| 2007 | Visiting Artist im Oberlin College, Oberlin/Ohio |
| 2008 | Listros-Projekt in Addis Abbeba/Äthiopien |
| 2010 | Breakthrough-Projekt, USA, in Nashville, Aspen, Washington, San Antonio, Chicago Einladung zur 4. Internationalen Biennale Peking/China Kunstmesse Istanbul |
| 2014 | Egmont-Schaefer-Preis für Zeichnung 2014, Berlin Atelierumzug nach Berlin-Spandau Teilnahme an der ersten I. MKH-Biennale in Halberstadt mit der Skulptur »Diogenes sucht den guten, den wahren Menschen« |
| 2019 | Einladung zur Bildhauer-Werkstatt während der Landesgartenschau in Wittstock/Dosse. Pfeilerfiguren ADAM und EVA in der Kirche St. Marien |
Auszeichnungen
| 1995 | Kunstförderpreis der Akademie der Künste, Berlin; 1. Preis beim Wettbewerb Denkmal für die ermordeten Juden Europas, zusammen mit Hela Rolfs, Christine Jackob-Marks und Reinhard Stangl |
| 2001 | Mitglied der Freien Akademie der Künste, Hamburg |
| 2004 | Studienaufenthalt in der Villa Romana, Florenz (Italien) und Werkstatt in Tbilisi (Georgien) |
| 2005 | Bautzener Kunstpreis; 2. Int. Biennale, Beijing (China) |
| 2006 | Pirosmanis Tisch, Tbilisi (Georgien) |
| 2007 | Visiting Artist, Oberlin College, Oberlin, Ohio (USA) |
| 2014 | Egmont-Schaefer-Preis |
Arbeiten in öffentlichen Sammlungen (Auswahl)
Albertinum Dresden, Grassimuseum Leipzig, Berlinische Galerie in Berlin, Mannheimer Kunsthalle, Mannheim, Märkisches Museum Witten, Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder), Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg, Zeitgeschichtliches Forum in Leipzig, Museum Ludwig in Aachen, Mannheimer Versicherung in Mannheim, Mannheimer Kunsthalle, National-Galerie Berlin, Deutsches Historisches Museum in Berlin, Deutsche Forschungsgemeinschaft in Bad Godesberg, Sammlung Hurrle in Durbach, National Art Museum of China in Peking/Beijing, Louvre It or Leave It – Minneapolis in Minnesota, Sammlung Deutscher Bundestag in Berlin, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Washington D.C. und privaten Sammlung
Seit dem Studium regelmäßige Austellungen im In- und Ausland