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Pfeffermühlengeschichten

Klaus Herre, ilka Leukefeld, Bärbel Herre, Sabina Grzimek im Atelier Marienburger Straße
Klaus Herre, ilka Leukefeld, Bärbel Herre, Sabina Grzimek in ihrem Atelier in der Marienburger Straße / Prenzlauer Berg

Im Atelier Grzimek wird über den ausschlaggebenden Einfluss der Pfeffermühlengemeinschaft auf Kultur und Kunst in und um Halberstadt gesprochen, da Bärbel und Klaus Herre 1970 unter den Gründungsmitgliedern waren.

Klaus Wilhelm Heinrich Herre wurde 1941 in Rudolstadt geboren. Er erinnert sich klar an die Bombardierung des Hauses seiner Großeltern. Traumatisiert verschlug es die kleine Familie in den Norden, nach Demmin. 1961–63 studierte er für drei Semester Schiffbau in Rostock. Während des Mauerbaus 1961 mussten in einer überraschenden Aktion die Studenten auf der Werft Panzersperren aus Stahlträgern schweißen. Alle waren beunruhigt, aber niemand ahnte den wahren Grund: am frühen Morgen des 13.08. werden nicht nur das Land, sondern auch Familien rücksichtslos getrennt. Trotzdem geht das Leben in der DDR, im ›Ost-Sektor‹ weiter. 1963–64 macht Herre eine Lehre bei Hans Plog mit Gesellenbrief in Demmin und wird 1965 für sieben Monate Facharbeiter bei Silberschmiedemeister Böge in Halle. Dem Tyrannen entkommt er, als ihm eine Anstellung als Facharbeiter in der Metallwerkstatt an der Burg Giebichenstein angeboten wird. Dort finanziert er zwischen 67–68 privat seinen Gürtler- und Silberschmiede Meisterlehrgang, arbeitet aber bis 1970 weiter als Facharbeiter. Klaus Herre beschreibt diese Wendung als großes Glück. Den Student:innen wurden von ihren Professor:innen Werk-Aufgaben für Korpusarbeiten erteilt. Herre erzählt, dass in der Metallwerkstatt ausschließlich Kaltblech-Arbeiten angefertigt wurden. Er hat dort viel seiner handwerklichen Fertigkeiten weitergeben können, hat aber selber auch viel gelernt, denn nach Bauhaus-Vorbild gab es in allen Bereichen gut ausgebildete Meister:innen. Er führte dort auch Arbeiten, wie z. B. an ›Tänzerin‹ von Prof. Hünecke aus, und Aufträge der Burg, wie z. B. Geschenke, welche die Regierung für Staats- oder Bezirksgäste bestellten. Auch im Bezug auf künstlerische Diskurse gab es bei ihm eine steile und motivierende Lernkurve. Wegen des Prager Frühlings wird er 1968 urplötzlich zur Reserve eingezogen. Bärbel bleibt mit zwei kleinen Kindern allein in Halle.

Peter Hinz und Klaus Herre, Metallwerkstätten der Pfeffermühlengemeinschaft
Peter Hinz / Klaus Herre, Metallwerkstätten der Pfeffermühlengemeinschaft, Foto: ilka Leukefeld

Bärbel-Ute Herre wurde 1945 in Loburg geboren und wurde in Köthen zur Goldschmiedin ausgebildet. Als sie ausgelernt hatte, bekam sie dort Besuch von Prof. Pfitzermann, der sie für die Goldschmiede-Werkstatt, zur Anleitung der Student:innen in der Burg Giebichenstein abwarb. Die Goldschmiede war direkt mit der Emaille-Abteilung verbunden, wo Prof. Irmtraud Ohme arbeitete. Durch deren Arbeiten animiert, dachte Bärbel Herre über ein Fachschulstudium in Heiligendamm nach. Aber die Betreuung des schwerkranken Kindes zwang sie, 1967 nach der Geburt der zweiten Tochter, die Stellung an der Burg aufzugeben. Der Umzug nach Halberstadt fiel ihr sehr schwer, aber das Angebot dort freie Werkstätten aufzubauen, war ein Lichtblick. 1981 wurde sie in Dresden Goldschmiede-Meisterin.

Vor der Wende nimmt die Pfeffermühlengemeinschaft geschlossen an Aktionen teil. Klaus Herre übernimmt dabei auch Versammlungsleitungen. Die Lage ist prekär, die Teilnahme an Versammlungen und Demonstrationen muss besprochen werden, denn wer bleibt bei der schwerbehinderten Tochter im Falle einer Verhaftung? Nach der Wende besteht die Aufgabe von Klaus Herre darin, die Vernichtung der Stasi-Akten in Halberstadt zu verhindern. Bärbel Herre war als Gründungsmitglied des Neuen Forums in die Montags-Demos involviert, leistet nach der Wende ehrenamtliche Unterstützung im Unabhängigen Frauenverband und der Moses Mendelssohn Akademie. Seit 1990 betreut sie ehrenamtlich im Verein Flüchtlingshilfe Familien mit Kindern. 2001 bekommt sie zur Ehrung die Auszeichnung ›Silberner Roland‹ der Stadt Halberstadt, und 2017 wurde ihr für ihre ehrenamtliche Tätigkeit das Bundesverdienstkreuz am Bande von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehen. Seit 2013 ist sie eine unersetzliche Unterstützerin der MKH-Biennale. Klaus Herre wurde eher aus liebevollem Mitleid Mitbegründer, damit die Idee der Tochter, zeitgenössische Kunst in Halberstadt auszustellen, Schwung aufnehmen konnte.

Sabina Grzimek – Bei Bärbel, Haare waschen
Sabina Grzimek, Aquarell »BEI BÄRBEL, Haare waschen« 17 × 24 cm Vorder + 45 × 34 cm Rückseite, 1981

Kurz nach dem Einzug in die Mühle wird Hans Scheib 1970 bei den Herres untergebracht. Seine Partnerin kannte Hans-Hermann Richter aus einem Studiengang in Sonneberg. Da die Töchter der drei Familien gleich alt waren, ergaben sich auch unter den Kindern schnell enge Freundschaften. Freiberufliche Künstler:innen waren in den Ferienzeiten in Not, denn Ferienlager waren oft nur für Betriebsangehörige. So wurde das offene Haus der Herres und die Mühle mit den Werkstätten am Goldbach, den alten Scheuen, Mühlen-Wehr, anliegenden Feldern, Wiesen und Wald mit Tiergehege oft zum Ferienparadies. Einen solchen Ferienbesuch der Tochter von Künstlerin Karla Woisnitza, bezeugt eine Radierung von Scheib, ›Mimi mit Bärbels Hut‹. Auch Sabina Grzimek und ihre beiden Kindern waren gern gesehene Gäste. Die sommerlichen Farben des Werkes ›Haare waschen bei Herres‹, spiegeln die unendlich scheinenden Sommertage an der Mühle wieder.

Auf einen Blick

30. August – 27. September 2026
Martinikirche · Halberstadt
Öffnungszeiten Mo–So 11:00–16:00